Giesela Mühlsteff – ein Nachruf

Ein kurz währendes Aufbrausen
lässt rotschimmernde Wogen
an die Flussufer zittern.

Einzelne Krähenschatten
verdunkeln die Stoppelfelder.
Dann setzt Ruhe ein.

Erste gelbe Blätter
werden vom Wind davongetragen,
als das Sonnenlicht vergeht.

Portrait Gisela Muehlsteff

In nur wenigen Augenblicken kann alles entstehen oder alles vergehen. Das ist das Gesetz für alles Menschliche. Und daraus leitet sich die Pflicht ab, sich an Augenblicke und Personen zu erinnern und sie in Ehren zu halten. Nicht viel Zeit ist vergangen, seit Gisela Mühlsteff in der Rathausgalerie Torgau ihre Ausstellung mit großer Begeisterung und vor Freude glänzenden Augen betrachtete. Am 21. September 2020 ging die Künstlerin jedoch von uns.

Gisela Mühlsteff wurde am 27. September 1930 in Uelitz (Mecklenburg-Vorpommern) geboren. Mit acht Jahren zog sie mit ihrer Familie nach in das niederbayrische Plattling, wobei aufgrund der Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs bald Coburg der neue Familiensitz wurde. Dort erhielt Gisela Mühlsteff ihre schulische Ausbildung. Danach begann sie eine Lehre als Modistin. Es folgten aus beruflichen Gründen weitere Umzüge, bis schließlich das hessische Hanau neuer Lebensort wurde. Hier begann Gisela Mühlsteff ihre künstlerische Karriere. Sie wurde dort Mitbegründerin des Kunstvereins „Umbria“ und eignete sich mit dem Beginn ihres Ruhestandes umfangreiches künstlerisches Grundwissen und entsprechende Fähigkeiten an.

Ihre künstlerischen Interessen waren vor allem auf die Malerei fokussiert, aber auch der Druckgrafik und plastischen Arbeiten, unter anderem mit Stein, Keramik und Bronze, sowie allen Facetten abstrakter und moderner Kunst war die vielseitige Künstlerin angetan. In Anbetracht ihrer Ausstellung im Torgauer Rathaus verriet sie noch, dass sie nun, mit 89 Jahren, die asiatische Tuschemalerei ausprobieren möchte.

Gisela Mühlsteff stellte ihre Werke zunächst in der Region rund um Hanau aus. Nachdem sie 2006 nach Oschatz zog, wurden vielfältige Ausstellungen in der gesamten Region mit ihren Kunstwerken versehen. Sie wurde Mitglied beim Torgauer Kunst- und Kulturverein „Johann Kentmann“ und erlangte dort im Januar 2020 für ihr außergewöhnliches Mitwirken im Verein die Ehrenmitgliedschaft.

Wer mit Gisela Mühlsteff zusammenarbeiten durfte, hat schnell erahnen können, welche unstillbare Neugier die Künstlerin an den Tag legt. Jeder denkbaren künstlerischen Tätigkeit brachte sie Respekt und Aufgeschlossenheit gegenüber. Dennoch wusste sich Gisela Mühlsteff stets zu positionieren. Wenn sie künstlerisch tätig wurde, dann wurde ihr Schaffen zu einem Akt der Intuition, der sich in vielfältigen Motiven und Darstellungsvarianten niederschlug. Aber nicht nur auf künstlerischem Gebiet wusste Gisela Mühlsteff zu überzeugen. Nur wenige Wortwechsel mit ihr genügten, um ihren tiefverwurzelten Sinn für Gerechtigkeit, ihren Mut, für eine Sache einzustehen, und ihren Sinn für Toleranz und Genuss des Lebens wahrzunehmen. Egal ob mit kleinen Alltagsanekdoten oder Erzählungen von ihren Ausstellungen, Lebensereignissen oder ihrem Schaffensprozess als Künstlerin, Gisela Mühlsteff fesselte ihre Zuhörerinnen und Zuhörer und vermochte durch ihren vortrefflichen, herzlichen und weltoffenen Charakter, Menschen dazu zu bewegen, neue Perspektiven auf das Leben einzunehmen erhalten sowie neue Gedanken in die Tat umzusetzen.

Der Torgauer Kunst- und Kulturverein „Johann Kentmann“ blickt mit Stolz und Bewunderung auf Gisela Mühlsteff zurück und drückt ihren beiden Söhnen sowie ihrem Familien-, Freundes und Angehörigenkreis sein tiefes Beileid aus.

Gisela Muehlsteff Rathausgalerie

Text und Fotos: René Kanzler

Bild 1: Portrait von Gisela Mühlsteff kurz nach der Ernennung zum Ehrenmitglied des Torgauer Kunst- und Kulturvereins „Johann Kentmann“ im Januar 2020.

Bild 2: Gisela Mühlsteff neben ihrem Werk „Die Teufelsgeige“ in der Rathausgalerie Torgau im Juli 2020.

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